Die letzten Tage der Menschheit – Karl Kraus trifft auf heutige Bühnenwirklichkeit

July 25, 2025  •  Kommentar schreiben

Die letzten Tage der MenschheitDie letzten Tage der Menschheit

Salzburg, 25. Juli 2025 – Es ist ein Wagnis, das sich die Salzburger Festspiele heuer leisten: Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ in einer drastisch gekürzten, aber keineswegs entschärften Bühnenfassung. Regisseur Dušan David Pařízek bringt das Unspielbare zum Sprechen – und wie! Die Premiere gerät zu einem sprachgewaltigen, bisweilen beklemmenden Abend, der die historische Distanz zum Ersten Weltkrieg auflöst und den Zynismus politischer und medialer Systeme in erschreckender Nähe zeigt.

Die Vorlage – ein „Drama, das nicht auf eine Bühne passt“, wie Kraus selbst meinte – wurde von Pařízek in eine konzentrierte Collage verwandelt. Sieben Schauspieler übernehmen ein ganzes Panoptikum an Figuren, die sich in rascher Folge abwechseln, überschneiden, konfrontieren. Dabei ist nicht psychologische Tiefe das Ziel, sondern das Aufzeigen von Haltungen, Sprachmustern, Abgründen. Lena Wontorras Dramaturgie verwebt das Material klug: Ironie, Groteske, dokumentarische Härte und blanke Absurdität wechseln sich in atemloser Dichte ab.

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Michael Maertens brilliert als Sigmund Schwarz-Gelber – eine Figur, die mehrere Gestalten in sich trägt, vom selbstgerechten Diplomaten bis zum zynischen Opportunisten. Mit präziser Gestik und schnarrender Sprache lässt er den Hochmut des deutschen Machtapparats auf das österreichische Kleinformat prallen. Es ist ein großartiges Schauspiel der Arroganz und der verqueren Loyalitäten, das politische Abgründe mit bitterem Witz sichtbar macht.

Auch das Ensemble überzeugt mit hoher Wandlungsfähigkeit. Dialekte, Jargons und gestelzte Kanzleisprache werden zum eigentlichen Hauptdarsteller des Abends. Die Sprache ist hier nicht nur Mittel, sondern Thema selbst: Wie Worte manipulieren, verharmlosen, ausgrenzen, zerstören – all das wird erfahrbar gemacht. In diesem Sinne bleibt Pařízek Kraus’ zentralem Anliegen treu: der Kritik an einer Sprache, die den Krieg möglich macht.

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Der Abend ist dicht, fordernd, manchmal auch überwältigend, aber gerade deshalb wirkungsvoll. Man lacht – und erschrickt im selben Moment. Denn vieles, was Kraus vor über 100 Jahren sezierte, hat seine Aktualität nicht verloren. Fake News, politisches Kalkül, mediale Verdrehung und die schleichende Abstumpfung gegenüber Gewalt: All das liegt hier auf dem Seziertisch eines scharfen, unerbittlichen Theaters.

Fazit:
Pařízeks Inszenierung gelingt das Kunststück, Kraus’ Mammutwerk in ein konzentriertes Theatererlebnis zu verwandeln, das erschüttert und aufrüttelt. „Die letzten Tage der Menschheit“ sind kein bloßer Blick in die Vergangenheit – sondern ein Spiegel unserer Gegenwart.

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Die Besetzung:

  • Peter Fasching Live-Musik 
  • Marie-Luise Stockinger Alice Schalek, Kriegsberichterstatterin 
  • Michael Maertens Sigmund Schwarz-Gelber, Politiker 
  • Dörte Lyssewski Elfriede Ritter-Schwarz-Gelber, Schauspielerin 
  • Felix Rech Anton Allmer, Feldkurat 
  • Elisa Plüss Der Nörgler 
  • Branko Samarovski Vinzenz Chramosta, Patriot 
  • Peter Fasching Peter Sedlatschek, Feldwebel 

 

Leading Team

  • Dušan David Pařízek Regie und Bühne 
  • Kamila Polívková Kostüme 
  • Magdaléna Vrábová Kostüme 
  • Peter Fasching Musik und Videodesign 
  • Reinhard Traub Licht 
  • Lena Wontorra Dramaturgie 

★★★★★ (5 von 5 Sternen)

 

 

 


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